1998, Intensivstation Gießen. Frau K. geht es gar nicht gut. Die etwa 60jährige Frau liegt auf einem grünen Intensivbett mit Luftfüllung, gegen die Druckstellen. Ihr Bauch hat einen Reißverschluss und muss täglich zur Spülung. Ihre Beatmung geht über eine Kanüle, die sie ihr in den Hals gesetzt haben. Die Perfusoren mit den großen 50ml-Spritzen werden jetzt fast alle abgebaut. Es bleiben nur noch Kochsalzlösung und das Mittel zum Sedieren, mehr schreibt der Arzt nicht mehr auf. Frau K. wechselt täglich die Farbe und ihr Aussehen. Gestern ist sie blass und eingefallen gewesen. Heute ist sie lila und aufgedunsen. Morgen wird sie vielleicht gelb oder rot aussehen, wer weiß das schon. Was klar ist, dass nichts mehr hilft. Alle Medikamente wirken nicht. Der Bauch geht nicht mehr zu. Der Puls ist in Bereichen, in denen er nicht sein sollte. Der Blutdruck ist in Bereichen, in denen er nicht sein sollte. Die halbe Tabelle der Blutwerte ist in Bereichen, in denen sie nicht sein sollten. Sie ist verloren. Sie wird aufgegeben. Ärzte und Pflegepersonal sind sich einig: Das wird nichts mehr. Das zuletzt gegebene Medikament hätte man auch an die Wand spritzen können, es hätte keinen Unterschied gemacht. Alle warten darauf, dass es vorbei geht.
Die Tage vergehen. Frau K`s Mann kommt, wie jeden Tag. Er kommt seit drei Monaten jeden verfluchten Tag und hält zwei Stunden lang ihre Hand. Er liebt sie über alles. Heute hat er etwas dabei und fragt, ob er es ausprobieren kann. Es gibt kein Risiko mehr, wenn es auf das Ende zu geht. Natürlich kann er es probieren. Er holt einen tragbaren CD-Player mit Kopfhörern aus seiner Tasche, legt eine CD ein und setzt seiner Frau die Kopfhörer auf. Dann stellt er ihre Lieblingsmusik an. Wir finden die Idee rührend und gehen, weil es gerade ausnahmsweise mal ruhig auf der Station ist, einen Kaffee im Aufenthaltsraum trinken. Den Alarm bei Frau K haben wir akustisch rausgenommen. So blinkt es permanent rot, weil Puls und Blutdruck aus den Fugen sind. Wir trinken unseren Kaffee und denken schon an die Übergabe, bis einer von uns auf den Bildschirm schaut. Puls und Blutdruck sind wieder normal. Wir schauen alle auf die Werte. Bestimmt ist wieder was verrutscht, wie so oft. Einer schaut nach. “Da ist nichts verrutscht.” Frau K hat jetzt normale Werte. Wie kann das sein? Das letzte Medikament hat nicht geholfen. Es hängt nur Kochsalz dran. Es kann kein Medikament sein. Das einzige, was sich geändert hat, ist die Musik auf den Kopfhörern. Wir bitten den Besuch, die Kopfhörer mal abzunehmen. Die Werte verändern sich wieder. Wir setzen die Kopfhörer auf. Die Werte gehen wieder zurück. Es ist unglaublich. Ich habe Frau K noch nie wach gesehen und kenne sie nun seit drei Monaten. Herr K hält ihre Hand. Frau K kann nicht reden. Und doch kommunizieren sie miteinander. Er kennt sie und weiß, was ihrer Seele gut tut. Ihre Seele entscheidet, hier zu bleiben. Sie fängt über die kommenden Wochen an, ihren Körper ins Gleichgewicht zu bringen. Ihre Blutwerte normalisieren sich. Ihr Bauch kann zugenäht werden. Sie kann von der Beatmung ab. Sie wird auf Normalstation verlegt. Sie besucht uns auf einem Rollator und bringt uns einen großen Korb mit Obst und Essen. Heilung ist ein Wunder. Sie kann durch Liebe und eine Seelenentscheidung passieren. Ich kann bezeugen, dass es das gibt. Es ist die unglaublichste Geschichte, die ich jemals erlebt habe.
Auszug aus meinem Buch „Lied der Seele“